Die Brennerbande, Teil 58


Am Ende mussten sie Walde versprechen, dass wenigstens Tiscio und Gunnar am nächsten Morgen sie begleiten würden, auch wenn sie den Sinn nicht ganz verstanden. In der Schule musste man sich schon selbst um seine Angelegenheiten kümmern, sonst handelte man sich nur noch mehr Ärger ein. Gunnar war fast ausgerastet, was immer das auch heißen mochte. Vor ein paar Wochen hatten die anderen Feldstraßler einen Abend damit verbracht, sich vorzustellen, was Gunnar in einem Kampf tun würde. Aber die Vorstellung, dass der Kleine irgendwie wirklich wütend sein könnte, hatte ihre Unterhaltung zwangsläufig beendet, weil sie nicht mit dem Lachen hatten aufhören konnten.
Aber Walde hatte ihnen tatsächlich etwas zu Karte und Zettel sagen können. Was sie hörten, hatte Walter und Walmo gar nicht gefallen.
Die Markierung auf der Karte bezeichnete tatsächlich einen Ort. Es war ein Treffpunkt, den Vilet immer mal wieder aufgesucht hatte. Wen sie dort getroffen hatte, wusste Walde auch nicht, nur dass es wohl ein Bote gewesen war.
"Den Zettel hat sie mir mal gezeigt. Das ist, wenn der Winterhirte kommt."
"Dann hört sie auf, die Frühlingskönigin zu sein, nich' Walde?"
"Genau." Das kleine Mädchen warf den anderen einen Blick zu, der zu sagen schien, dass nur Gunnar etwas Hirn im Kopf hatte, während die größeren Feldstraßler einfach nur große Trolle waren.
"Kann man den Boten da treffen? Weißt du das?"
"Vilet hat. Aber sie ist ja die Frühlingskönigin."

Die Feldstraßler waren eindeutig Städter. Nicht einmal in Parks fühlten sie sich richtig wohl. Zugegebener Maßen konnten sie den Unterschied in der Luft erkennen und sogar bis zu einem gewissen Grad wertschätzen. Aber ein Wald bei Nacht war ein Ort, der ihnen so bedrohlich erschien wie der Ingensumpf, vielleicht sogar noch etwas bedrohlicher, denn bei den Ingenern hatten sie eine ungefähre Vorstellung, was sie zu erwarten hatten. Mit der Natur kannten sie sich jedoch so gar nicht aus.
Sie blieben eng beieinander. Das einzige Licht, dass ihnen zur Verfügung stand, war die kleine Lampe, die Gunnar von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Ein kleines ambarisches Licht, dass einen recht beständigen Strahl aussandte. Der Mond war noch nicht voll, und es hingen einige Wolken am Himmel, so dass aus dieser Richtung nur genug Licht kam, um ausreichend unheimliche Schatten zu werfen, die die Feldstraßler in Angst und Schrecken versetzen konnten.
Trotzdem fanden sie ihren Weg fast Problemlos. Die Karte war überraschend genau gewesen und hatte sie an allen Seitenwegen vorbeigeführt, um sie schließlich auf die Lichtung zu bringen, die dort mit einem kleinen Kreuz markiert war. Zumindest waren sie sich ziemlich sicher, dass sie die richtige Lichtung gefunden hatten.
"Und was jetzt?" Tiscio bekam den Eindruck, den ganzen Tag nur mit schmollenden und murrenden Freunden durch die Gegend zu kriechen, auch wenn er gestehen musste, dass es keine wirklich gute Idee gewesen war, Nachts in den Wald zu gehen. Er war sich auch nicht sicher, wie er die anderen davon hatte überzeugen können, ihn zu begleiten. Vermutlich hatte es etwas damit zu tun, dass er die anderen bis auf die Knochen genervt hatte, bis sie nur noch die Wahl hatten, ihn zu verprügeln oder ihn tatsächlich zu begleiten. Die Versuchung war groß gewesen, aber am Ende waren sie mit ihm gegangen.

"Ich würde sagen, wir rufen." Malandro umschlang sich mit den Armen, zum Teil, weil ihm langsam fröstelte, zum anderen aber auch, weil ihm der Wald nicht gefiel.
"Und dann?"
"Dann gehen wir wieder nach Hause," antwortete Walter, "oder was glaubst du, was passieren wird."
Tiscio zögerte nicht lange: "Hallo? Wir suchen Vilet! Vilet Freifrieder!"
"Bist du Wahnsinnig" Walter stieß ihn gegen die Schulter.
"Was? Du hast es doch selbst gesagt."
"Ich glaub auch, dass das nicht so gut war." Walmo pflichtete seinem Bruder natürlich zu, aber Gunnar konnte, selbst in der Dunkelheit, die Angst in seinem Gesicht sehen.
Sie blieben unsicher stehen. Ihre Blicke wanderten über die schwarzen Bäume, die sich langsam auf sie zuzubewegen schienen. Es war unmöglich, Einzelheiten auszumachen und ihnen war sehr deutlich, dass alle Ritter Xpochs sie von dort aus beobachten konnten, ohne dass sie etwas davon bemerkt hätten.
"Walter, lass uns gehen, bitte." Die Feldstraßler ließen normalerweise keine Gelegenheit ungenutzt, jeden aufzuziehen, der nicht ihren selbstgesteckten Idealen der Furchtlosigkeit entsprach. Gunnar verhinderte jedoch jeden unnützen Spruch, indem er Walmo unterstützte.
"Walmo hat Recht. Das fühlt sich hier wirklich nicht sicher an."
"Komm Tiscio." Malandro stellte sich neben seinen Freund. "Wir hams versucht." Und Tiscio war inzwischen zu Erschöpft von den vielen Wegen, die er heute zurückgelegt hatte, um noch großen Widerstand leisten zu können.
"Is ja gut." Sie wandten sich zum Gehen und hatten gerade den Rand der Lichtung erreicht, als sie geschlossen stehen blieben. Plötzlich war ein seltsames Rauschen hinter ihnen zu hören.
Hecktisch drehten sie sich um. Ein böiger Wind wehte ihnen ins Gesicht. Gunnar leuchtete wieder auf die Lichtung. Als jedoch die Beine von oben in den Lichtkegel glitten, hätte er fast seine Leuchte fallen gelassen. Gegen jeden Instinkt hielt er den Strahl jedoch weiter auf den Punkt gerichtet, macht nicht einmal Anstalten, wegzulaufen. Auch die anderen waren zu entsetzt, um fliehen zu können. Aber so konnten sie beobachten, wie ein großer Mann, gekleidet in altertümliche dunkle Kleidung langsam auf dem Boden aufsetzte und seine großen, weißen Vogelflügel faltete. Sie kannten sich nicht so gut mit Vögeln aus, aber andere hätten die Schwingen vielleicht mit denen von Schwänen verglichen. Andererseits konnten sie die großen, grauen Vögel, die im Hafenbecken und ab und zu auch in einem der Parks zu sehen waren, unmöglich mit diesen majestätischen und vor allem sehr weißen Flügeln in Verbindung bringen.
"Was sucht ihr an diesem Ort?" Seine Stimme war tief und alt, als wäre sie schon sehr lange benutzt worden, hatte aber auch einen kraftvollen Unterton, der sie wissen ließ, dass er nicht leicht zu beeindrucken oder überzeugen sein würde.
Die Feldstraßler zögerten zuerst, dann schubsten sie Tiscio nach vorne.
"Ich hörte rufen. Seid ihr die Verantwortlichen?"
Tiscio konnte nur nicken.
"Und ihr erwähntet den Namen Vilet Freifrieder"
Wieder nickte Tiscio.
"Sie ist geraubt worden. Ich spürte es."
"Sind sie ein Engel?"
Der Fremde machte einen Schritt nach vorne, woraufhin die Feldstraßler einen zurück machten. Er beugte sich leicht nach vorne und blickte Walmo an.
"Ich bin so genannt worden. Doch zu dieser Zeit bin ich nur ein Bote der göttlichen Macht und Frau Freifrieders Bewahrer. Habt keine Angst." Er wandte sich an Tiscio. "Du bist der, der bei Frau Freifrieder lebt."
Endlich fand Tiscio seine Stimme wieder. "Ja, und sie ist nicht mehr nach Hause gekommen. Meine Mutter macht sich sorgen."
"Nicht nur deine Mutter, will ich meinen."
Malandro steckte die Hände in die Taschen und stellte sich neben Tiscio. "Wissen sie, wo sie ist."
"Die falschen Priester haben sie entführt. Sie wollen ihre Kraft. Aber sie werden sie nicht bekommen. Ihre Zeit ist bald gekommen und wenn sie bis dahin nicht zu mir gelangt, wird der Winterhirte, in Xerenpoch Geithar nach ihr Suchen."
"Wo?" Malandro konnte mit gutem Gewissen sagen, dass er nicht einmal die Hälfte verstanden hatte.
"Ihr nennt es jetzt Xpoch, doch einst war es Xerenpoch Geithar, Xerenpochs Zuflucht."
Sie hatten alle einmal in der Schule von dem Gründer der Stadt gehört. Aber es war keine populäre Legende, weswegen ihnen die alten Namen auch kein Begriff mehr waren.
"Entschuldigung, Herr Engel, aber was passiert dann, wenn der Winterhirte kommt?" Auch wenn Gunnar inzwischen sehr müde war, hatte er doch besser zugehört als seine Freunde.
"Der Winterhirte wird sie finden und alle Strafen, die ihr geschadet haben. Ihr müsst jedoch verstehen, dass er gnadenlos wie der Winter ist. Eure Stadt wird einfrieren. Er wird durch die Straßen wandeln und die ganze Stadt strafen."
"Das is nicht gut." Die Feldstraßler stimmten Walter mit vehementem Kopfnicken zu.
"Was könn wir tun?"
"Ihr müßt sie wiederfinden. Sie befreien."
"Aber wie sollen wir sie finden?"
"Ihr müsst die falschen Priester beobachten."
"Die falschen Priester?"
"Die, die sich Hetradoniden nennen."

Die Kinder aus der Feldstrasse, 03